Wie der Drache zum Bâskilisken wurde
Eine ziemlich wahre Geschichte über Musik und warum das Straucheln kreatives Potential hat
Die Eierschale hatte bereits Sprünge bekommen. Es tat sich etwas im Innern der Hülle. Energisch pickten Krallen und rieben Schuppen an der Schale. Dann brach das Ei entzwei und heraus kam ein kleiner grüner Drache. Er schüttelte den letzten Rest der Hülle von sich und versuchte ein wenig Feuer zu spucken. Das Ei zu knacken war doch anstrengend gewesen, so setzte er sich erschöpft hin und schaute sich um. Ein Bach rauschte zu seiner Linken und über ihm wölbte sich eine alte Steinbrücke. Mit einem langen Gähnen klappte sein erstaunlich grosses Maul auf. Ein erstes Nickerchen ausserhalb des Eies würde ihm guttun, sagte er sich und rollte sich an einer moosigen Stelle ein. Gerade driftete er ins Land der Träume ab, als er durch ein Geräusch wieder geweckt wurde. Er spitzte seine kleinen Ohren so gut er konnte. Was war das? Es schnipste, es klatschte und er hörte Stimmen – doch da war noch mehr. Die Stimmen hörten sich gut an. So gut, dass er vergass, dass er hatte schlafen wollen. Vorsichtig stand er auf und kroch so weit an die Steinbrücke heran, dass er über das Geländer schauen konnte. Einige Frauen sassen da, schnipsten mit den Fingern und klatschten einen komplizierten Rhythmus. Begleitet wurden sie von drei Musikern, einer davon sang ein Lied. Der Drache kannte Musik – aber viel leiser und gedämpfter. In seiner Eierschale waren nie alle Töne durchgedrungen. Die Melodie ging ihm geradewegs von den Ohren ins Herz. Er begann sich in den Hüften zu wiegen und schliesslich brummelte er mit. Bisher hatte ihn die Musikgruppe nicht bemerkt, doch nun, da seine Stimme sich ein bisschen wie ein Donnergrollen anhörte, wurden sie auf ihn aufmerksam. Der Geiger liess den Bogen sinken und sah zum Himmel. Auch einige Frauen schauten sich um, bis eine mit Klatschen aufhörte und mit grossen Augen auf den Drachen zeigte. Die Musik brach Note für Note ab und der Drache hätte sich am liebsten unter der Brücke verkrochen.
«Komm doch herauf!» riefen jedoch bereits einige Frauen und winkten. Vorsichtig kam er näher und sofort wurde er umringt. Hier wurde neugierig über eine Schuppe gestrichen, dort fuhr jemand über seine Ohren. Hatten die Menschen Angst vor ihm? Mochten sie ihn?
Schliesslich wagte er es, sich aufrecht hinzustellen und einigen direkt in die Augen zu sehen.
«Ihr macht so schöne Musik. Ich wollte mitsingen…»
«Hm, das musst du noch ein bisschen üben!» lachte der Sänger. «Zeigst du mir, wie das geht?» fragte der Drache. Und seine Lehre begann.
Jeden Tag nahm sich der Musiker nun Zeit für den Drachen und übte Intervalle, Tonleitern und Melodien mit ihm. Und wenn es ihm besonders gut gelang, leuchteten seine Schuppen silbern und golden. Wenn er aber ausser Atem geriet oder einen Ton nicht getroffen hatte, entfuhr ihm eine Stichflamme.
Als die Tournee der Truppe bei der Brücke zu Ende ging, setzten sie ihre Reise fort. Der Drache war sich nicht schlüssig, ob er mit den Menschen mitgehen sollte oder nicht. Doch da rief ihm schon jemand zu: «Kommst du?». Seine Drachenstimme hatte sich zu einem warmen, tiefen Bass entwickelt, mit dem er die Lieder begleitete.
Nun ging es quer durch die Lande und schliesslich kamen sie in einer Stadt mit einem breiten Fluss an. Der Drache zählte vier Fähren und fünf Brücken. Er passierte eine Brücke, dann die zweite und bei der dritten zuckte er zusammen. Was war das für eine Darstellung bei den Pfeilern? Er hatte ein Tier entdeckt, das ihm zwar sehr ähnlich war, aber doch nicht vollkommen glich. Der Kopf hatte etwas von einem Hahn, eine Schlange konnte darin auch erkannt werden. Er fragte eine der Frauen seiner Musikgruppe. Sie dachte kurz nach und erklärte dann: «Lieber Drache, das ist ein Basilisk. Er steht für eine giftige Drachenart, für einen Schlangenkönig, ein Mischwesen. Woher er kommt, wird in etwa so beschrieben: Ein alter Hahn legt ein Ei in den Mist, dieses wird von einer Schlange, manchmal auch von einer Kröte, umschlungen und durch deren Wärme ausgebrütet. Es schlüpft daraus der Basilisk, der allein durch seinen Blick oder Atem einen Menschen töten kann.»
Der Drache erschrak und zog den Kopf ein. Die Frau strich ihm leicht über die Schuppen: «Hier wurde schon lange kein leibhaftiger Basilisk gesehen, du brauchst dich nicht zu fürchten.»
«Aber vielleicht fürchten sich die Menschen vor mir?» flüsterte der Drache. Da erst fiel der Frau die Ähnlichkeit der beiden auf. Wieder berührte sie beruhigend seine Schuppen: «Deine Sanftmut sehen dir doch alle an, du machst Musik, du bist freundlich…» – «… und ich spucke Feuer, wenn ich den Ton nicht treffe! Das ist doch erschreckend???? Vielleicht denken sie dann doch, ich bin ein Basilisk und wollen mich töten?» Da umarmte die Frau den Drachen ganz fest. «Du bist der sanfteste und sympathischste Basilisk der ganzen Stadt!»
Am nächsten Morgen wachte er mit dem Gedanken auf: «Ich bin ein sanfter und friedlicher Basilisk!» Schwungvoll hüpfte er aus dem Bett und krachte aus Versehen gegen den Tisch. Schmerzhaft verzog er sein Gesicht und rieb sich den Vorderfuss und einen Flügel. Nun hatte er die Bescherung: er hatte sich den Fuss und den Flügel verstaucht und hinkte.
Statt über die Brücken zu laufen oder zu fliegen, fuhr er jetzt mit der Fähre. Alle 25 Basilisken-Brunnen der Stadt wollte er abklappern. Vielleicht war er ja nicht der einzige nette Drachen…
Gerade humpelte er auf eine Brunnenfigur zu, als er den Eindruck hatte, beobachtet zu werden. Langsam drehte er sich um und schaute einem Mann in die Augen: «Wer bist du und was ist dir passiert? Du hinkst ja!»
«Ich bin ein freundlicher Basilisk und heute Morgen aus dem Bett gefallen…»
«Ich hab’ für dich etwas zum Trost», sagte da der Mann und holte aus seiner Manteltasche eine kleine Flöte, auf der er gleich zu spielen begann. Die Töne hallten zwischen den Häusern hell und klar und als der Mann damit fertig war, fühlte sich der friedliebende Basilisk etwas leichter.
«Es geht mir besser – das hat deine Musik gemacht!» freute er sich.
«Schön, hat dir mein neues Stückchen, das Hinkebein, gefallen. Ich habe es gerade speziell für dich erfunden.»
Erneut spielte es der Flötenmann und der Basilisk fiel mit seiner Bassstimme ein. Als sie geendet hatten, wollte sich der Drache auf den Nachhauseweg machen. Doch da rief eine Stimme: «Halt, bleib wie du bist! Ich bin noch nicht ganz fertig!» Ein junger Mann skizzierte mit leichter Hand auf seinem Block ein Portrait vom Drachen mit der riesigen Kirche im Hintergrund. Nun schaute er zufrieden auf sein Werk. «Hier, für dich!» damit überreichte er die Zeichnung dem Drachen. Sorgsam rollte dieser sie zusammen und verstaute sie in den Tiefen seiner Schuppen. Am besten gefiel ihm, dass er so freundlich auf dem Bild aussah.
Bald war das Engagement der Truppe auch in dieser Stadt vorbei, Fuss und Flügel waren dank der Hinkebein-Medizin wieder voll einsatzfähig. Am Tag der Abreise schlug der Basilisk daher vor: «Setzt euch alle auf meinen Rücken! Fliegen wir doch in die nächste Stadt!»
Schnell waren alle auf den Drachen geklettert und los ging der Flug. Nach zwei Stunden sahen sie den über 300 Metern hohen, schlanken und grazilen Turm, das Wahrzeichen dieser Stadt. Durch die Eisenkonstruktion des Turmes schimmerte die Sonne und blendete den Drachen. Er blinzelte und versuchte, das Bauwerk in einem weiten Bogen zu umfliegen. Bei der Landung geriet er dennoch ins Straucheln, weil er beinahe im Fluss gelandet wäre und nur mit knapper Not gelang es ihm schliesslich, sich selbst und die Musiktruppe gesund auf den Boden zu bringen. Unglücklicherweise rempelte er dabei einen Mann an: «Qu’est-ce que tu bascules par ici?» fragte ihn dieser empört.
«Ohh, das tut mir leid! Die Sonne… der lange Flug…» stotterte der Drachen. Der Mann betrachtete ihn skeptisch: «Qui es-tu?»
«C’est notre dragon!» riefen die Musikerinnen. «Il est très gentil, vraiment!» riefen die Musiker. «Eigentlich bin ich ja ein friedfertiger Basilisk…» nuschelte auch der Drache.
«Un Basilisk? Mais enfin! Je crois que tu es plutôt un Bâsculiste! »
Gerade wollte der Basilisk, der soeben zum Bâskilisken geworden war, etwas erwidern, als der Blick des Mannes auf den Geigenkasten fiel. «Vous faîtes de la musique?» Und flugs zog auch er eine Flöte aus der Tasche und pfiff ein Lied. Als er geendet hatte, klatschten alle. Da verbeugte sich der Flötist und schaute verschmitzt zum Bâskilisken: «Et voilà – c’etait „Le Dragon Lunaire“ pour toi! C’est vrais, tu es un dragon sympa et un très, très gentil Bâskilisk!»
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