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An alpum full of great remix, dubs, reminiscence and revisited soundscapes
from Schildpatt, Tunsch and the vintage Peeni Waali recordings (from 20 years ago!)
as well as genuine and fresh compositions
of the protagonists (...) - the best elements ever combined!

Eine Produktion, die den Zeitgeist trifft und trotzdem zeitlos bleibt, eine Musik, welche sowohl Roland Schiltknechts („Tunsch“) als auch meine eigenen persönlichen Ansprüche noch mehr fordern würde, und gleichzeitig das bisher erreichte KnowHow sinnvoll zu nutzen und nicht zuletzt: die Messlatte einen Tick höher schrauben.

Wie so oft in/während kreativen Produktionen, entdeckte ich (10 Jahre früher) während der Produktion des Industrial_Projektes „Manoeuvres d’Automne“ (Mensch Records CD 008, 1987) ein Phänomen, seit welchem ich immer alle Ohren steif halte: wir ‚bauten’ eine gigantische Symphonie aus Frosch-, Sumpf- und anderen Naturaufnahmen (damals noch alles mit Bandschnipseln, Sampling war noch nicht in bezahlbarer Reichweite) und mischten das ganze mit industriellem Metall-Krawall.
Geblieben von der Produktion ist die lebendige Erinnerung an wie diese Frosch-Symphonie unveränderlich, absolut und immer magisch groovte. In späteren Jahren machte ich erneut diese Feststellung: Frösche grooven immer und zu allem, was ich mir im Titel "Canabeat" erneut zu Nutze machte.

Eine andere Entdeckung erweckte ebenfalls ‚kreative Gelüste’: in den 80-ern hörte ich eine Produktion von Wendy Carlos („The Beauty and the Beast“), die vor allem von mikrotonalen Stimmungen geprägt war. Es war ein Aha-Erlebnis insofern, als es das erste mal war, dass ich ‚verstimmte’ Sachen (vor allem synthetische Klänge) als dem Ohr schmeichelhaft empfand. Ich höre gerne diese „Dritt-Welt-Sachen“, weil dort eben nicht immer alles so ‚ausgeglättet’ ist.
Solche microtonalen Stimmungen wurden mir mit den Jahren immer teurer.

Mit der Begegnung des Klangmaterials von „Tunsch“ entstand der Wunsch, eine andere ‚Arbeitsweise’ einzubinden: der Umstieg von analoger Installation zu volldigitalisiertem Harddiskrecording brachte moderne Werkzeuge ans Tageslicht. Eine der Spielwiesen moderner Musik ist sicher die glückliche Weiterentwicklung der (stumpfen) TechnoSchiene, d.h. Drum And Bass, Chill-Out, Remix  oder Ambient und wie sie alle heissen. Musik mit intelligenter Zuhilfenahme von Maschinen produziert. Maschinen, welche dermassen raffiniert sind, dass nicht einmal mehr die Frage interessant ist, ob denn dies oder das auch mit einem ‚richtigen Musiker’ eingespielt wurde. Aufnahme- und Kompositionstechniken, die den modernen „SparAlltag“ reflektieren. Jeder hat einen Komputer. Jeder ist sein eigenes Orchester. Die Herausforderung heisst mehr denn je: Geistreichtum, Phantasie und Originalität, die heilige Flamme der Kreativität. Und dennoch, der Wunsch nach synergetischem ‚Zusammen_Musizieren’ bleibt. Aber nebst "von Mensch zu Mensch musizieren" erleben wir heute eine Erweiterung der Palette, zusammen mit Mensch und Maschine; noch mehr Herausforderung.

Ich war angenehm überrascht, als Roland auf meine Anfrage, eine Drum’n’Bass_lastige Produktion mit Hackbrett in Angriff zu nehmen, sofort mit Begeisterung zusagte. Es sollte
eine CD mit vielen Leitmotiven, vielen roten Fäden, aber in erster Linie "just a little joyful noise" werden. Eine Musik aus Jux und Tollerei, der Musik zuliebe, gedacht ohne Prätention.
Die angesprochene Technik sollte unter allen Umständen immer und nur ein Hilfswerkzeug bleiben - wenn auch mittlerweile ein äusserst interessantes und herausforderndes. Die Produktion würde geprägt sein von herrlich Handgemachtem von Künstlern wie z.B. Alan Kushan mit seinem persischen, filigranen Santur_Spiel oder Meister Ljubo Meistrovich, dessen virtuoses Saitenspiel einen sofort und unmittelbar auf den Balkan versetzt. Das ganze Album soll durchzogen sein von der Liebe zum Handwerk und zum Detail. Es sollte ein ge-spieltes und ein ver-spieltes Album sein.

Startpunkt der Produktion bildeten ein paar Improvisationen aus dem Fundus von „Tunsch“. Die Aufnahmen wurden gesichtet, editiert, in ein rythmisches Raster ‚geklemmt’ und ver-groovt (…).

Erste Versuche im Sinne eines Patchwork, einer Collage, resultierten in einem Aufschichten von verschiedenen klanglichen Bausteinen.

Gabriel Schiltknecht lieferte ein herrlich gespieltes Balafon mit all den klanglichen ‚Unzulänglichkeiten’, bzw. eben diesen ‚ungewöhnlichen’ Stimmungen, den Launen dieses Instrumentes. Ein Fest für einen Piccolo-Spieler...

Lange hing natürlich die Frage im Raum, ob Herr Waali denn jetzt nicht doch noch einen Reggae einwirft. Also krempelte Peeni die Ärmel hoch und fand zwei Ostinati von, mit und zu Schiltknechtens und schon schwurbelte ein rauher, moderner Reggae-Groove durchs magische Grammophonnadelör.

Ein Versuchsballon mit einem selber aufgenommen Muezzin, den ich schon 1982 verwendet hatte, zauberte die erste „Messlatte“ hervor. Das Ungewöhnliche an dieser Improvisation plus Muezzin war, dass wir einen Bass unterlegten, der in keiner Weise der Tonika für einen solchen Gesang entsprach.
Doch der momentane Schwurbel mit dem provokativen Unsinn der Mohammed-Karikaturen hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwar wäre die von diesem Muezzin gesungene Sure aus dem Koran (Ar-Rum, Vers 30)

وَمَا آتَيْتُم مِّن رِّبًا لِّيَرْبُوَ فِي أَمْوَالِ النَّاسِ فَلَا

 يَرْبُو عِندَ اللَّهِ وَمَا آتَيْتُم مِّن

 زَكَاةٍ تُرِيدُونَ وَجْهَ

 اللَّهِ فَأُوْلَئِكَ هُمُ الْمُضْعِفُونَ

 

eine nicht-fundamentalistische, friedliche Botschaft, welche durchaus im Sinn meiner Vorstellung gewesen wäre: denke und tue Gutes und Du erreichst mehr als Du verdienst... (aus uralten zoroastrischen Überlieferungen, lange, lange vor dem Koran!).
Nun haben tagelange Diskussionen mit Islamwissenschaftlerinnen und islamischen Internetforen allerdings einen ziemlich klaren Bann geworfen: es ist politisch nicht korrekt, den Qu'ran zu "vertonen". Obwohl
eins unserer Leitmotive des Projektes beinhaltet, Brücken zu schlagen, hätte dieses Stück gerade heute eine noch grössere Daseinsberechtigung, weil es uns damit nicht um eine politische Standortbestimmung geht, sondern um einen "Ruf"; eine Stimme einzubetten; Paradigmen (z.B. eben die arabische Vortragsweise eines Muezzins) einmal vor einen anderen Hintergrund, bzw. musikalische Untermahlung gestellt. Aber es soll nicht sein. Also wurde der Muezzin wieder rausgenommen, die Vokale analysiert, vertauscht und neu eingesungen vom heimischen Minaret Mensch aus, ein esperantischer Muezzin. In keiner Weise ist dies als Karikatur oder Beleidigung gemeint. Einer unserer Dialog-Partner vom islamischen Forum schreibt klar: "the melody is no biggie - so long you don't use the Qu'ran..."
Geblieben ist also noch die musikalische Inflektion des originalen Muezzins. Wir behalten die Botschaft in unserem Herzen, um damit nicht John Lennon zu imitieren.
Ein gelöstes Problem, und doch stimmt es mich sehr bedenklich, dass mit diesen Karikaturen so ein Hirnschwurbel entstand. Man will also eine friedliche, sinnvolle, "weise" Botschaft vermitteln und riskiert, von steinzeitlicher Mentalität ermordet zu werden, also sagt man "nichts", man singt "heisse Luft", im Prinzip "Unsinn" und man wird als "respektvoller Mensch" bezeichnet (so das Fazit der Diaspora über meinen "Esperanto-Muezzin", weil ich mich so intensiv mit dieser Polemik auseinandergesetzt habe und Willens war, die strenge Vorgabe - kein gesungener Koran - zu "respektieren")!
Aber man muss zusehen, wie der Ober-Manitou von Nestlé mit einem horrenden Zitat an die Öffentlichkeit tritt (...) (ob der Herr Direktor Nestlé jetzt ein Landst-, ein Öste- oder ein Brötchenstreicher ist, und ob der grün oder blau ist, bzw. ob der an Astralschnuller glaubt oder an etwas anderes spielt überhaupt keine Rolle):
hat der doch tatsächlich die Stirn, öffentlich auszusagen, Wasser sei ein Nahrungsmittel und man müsse Wasser privatisieren. Nestlé ist ein Nahrungsmittelkonzern, also will Nestlé Wasser als Nahrungsmittel "legitimieren" und verkaufen!
Solch ein Statement bedürfte wirklich Millionen Menschen, die auf die Strasse gehen. Das ist kein Witz mehr. Könnte dem nicht mal jemand eine derbe Tracht Prügel versetzen?

Aber unser Bestreben gilt eigentlich gar nicht den Sanktionen (sowenig wie dem Sakralen).

Unser Handwerk bleibt der Spieltrieb, Freude zu verschaffen, Positives zu verbreiten und damit recht und billig , Gutes Tun'. Gerade "Beacon of Hope" illustriert, dass alles gut genug ist, eine Brücke zur Hoffnung zu schlagen, sei dies ein Leuchtkäfer oder - für manche - ein Christ. Die Brücke ist nur ein Träger. Wir sind die Botschafter. Die Botschaft ist in unserem Fall eine friedliche Musik der Hoffnung. Es gilt, die andere Seite, die bessere zu erreichen. Zusammen mit Menschen aus aller Welt, unabhängig von ihrem Glauben und/oder ihrer Religion und mit diesen Menschen so etwas Friedliches zu tun wie z.B. "nur" Musik und dabei immer wieder die „Messlatte des Ungewöhnlichen“ zu überschreiten.

Mensch Music vernetzt mittlerweile viele Künstler aus früheren Produktionen und so entstand der Wunsch, einmal auf Distanz zusammen zu arbeiten. Der befreundete Bassist Sylvain Gagnon lieferte einen Bass "aus der Ferne" - Internet macht's möglich. Und trotzdem ist der Bass eingeschweisst und präsent und vermittelt uns den Eindruck, selbst wenn er physisch in HongKong lebt, ist er doch "mit uns".

Vieles entsteht aus der Situation von Begegnungen. So besuchte der schwedische AusnahmeExzentriker Lars Hollmer eines Tages das Dorf Weite und es wurde kurzerhand ein kleines Konzert organisiert in einem nahegelegenen Restaurant. Auch ein Ausschnitt aus dieser Begegnung fliesst nahtlos ins Projekt.
Es ist ein angenehmer Nebeneffekt, dass die Produktion wie ein Gästebuch fungiert. Jeder musikalische Besuch hinterlässt seine Spur.

"SHA" ist auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es zeigt eine opulente Vielfalt von Klängen, Klangspielereien, Effekten und - vor allem - Kontrasten.

Es entsteht hier eine neue Form von World Music. Neue Elemente und Produktionstechnologien werden mit den Wurzeln der eigenen Musik verbunden, die vielen bestehenden Verbindungen zu den verschiedensten Musikern und Kulturen aus aller Welt aufrecht zu erhalten, weiter zu pflegen und damit (vielleicht) etwas Neues zu schaffen: New World Music!

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