Märchen 3000

Es war einmal eine kleine giftgrüne Tanne. Sie war in einem Reagenzglas des Genforschungs-institutes zur Welt gekommen und hatte noch nie draussen in der Natur gestanden. Ihre Heimat war ihr schon immer zu steril, zu kalt und zu glatt vorgekommen. Doch bald würde sie etwas Neues sehen. Die leitende Professorin hatte nämlich morgens in der Sitzung gesagt: „Forschungsobjekt Nr. 3000 taugt nichts mehr. Die Farbe, die wir mit den veränderten Genen erzielen wollten, ist uns nicht geglückt. Werfen wir’s weg.“
Und so kommt’s, dass die Tanne wenige Stunden später auf dem Komposthaufen der Institution landet.
Es ist Dezember und überall leuchten Sterne und Lichter. Im Fenster des Hausmeisters glitzern Christbaumkugeln und Lametta an einer kleinen dunkelgrünen Plastiktanne. Nr. 3000 sieht das begeistert; auch der Wind, der Geruch der Erde, die Sonnenstrahlen beeindrucken sie. Als eine rote Ameise über ihren Stamm läuft, geht ein wohliges Kribbeln durch ihre Äste und Nadeln.
Am nächsten Morgen merkt sie, dass ihre Kräfte schwinden. „Ich wäre so gerne geschmückt wie der Baum hinter dem Fenster...“ Sie seufzt tief. Dies hören die Restgene einer Silberdistel und einer Goldmelisse, die in der Tanne mitverarbeitet sind. „Sollen wir...?“ fragt das eine Gen das andere. Und bald darauf spürt die Tanne, dass in ihrem Innern etwas angelaufen ist. Plötzlich bilden sich an den Spitzen silberne und goldene Zäpfchen, die langsam und stetig grösser werden. Einige Nadeln vergolden und versilbern sich, werden zu langen, dünnen Fäden. Forschungsobjekt 3000 schaut erstaunt an sich herunter, würde sich sicher die Augen reiben, wenn da Arme und Hände wären. Doch das war bei diesem Projekt nicht vorgesehen.
Nach zwei Stunden ist alles vollbracht. Die giftgrüne Tanne ist rundum golden und silbern geschmückt. Stolz reckt sie ihre Äste in alle Himmelsrichtungen und fühlt sich so gut wie noch nie. „Was’n das für’n komischer Baum?“ hört sie da jemanden sagen. „Mensch, Olle, seit wann interessieren dich denn Bäume?“
Kurz darauf wird Nr. 3000 in ein weiteres Abenteuer mitgenommen. Abends kommt sie dank den Silberdistel- und Goldmelissengenen zu Weihnachtsbaumehren. Mitten in der Stadt auf einer Baustelle bei Olle, seinen Kumpels und mit einigen Litern Schnaps. Wahrscheinlich auch mit genmanipulierten Zutaten.
Und das nächste Märchen handelt von Mais und wie Embryos werden, wenn ihre Mütter davon essen.

assi, Dezember ’99
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Die etwas andere Weihnachtsgeschichte,

in der es zwar durchaus um eine Herbergssuche und eine Art Geburt geht, jedoch kommt der Heiland nicht vor, wenngleich etwas heil wird.

 Einst lebte Herr Buntschuh in einer rauhen Gegend unter einem soliden Dach. Auch Frau Klein war es nach anfänglichen Schwierigkeiten dort sehr wohl und so wurden in zwei schnellen Würfen die Kinder Neunmalklug und Kriserich geboren. Das Leben plätscherte beschaulich dahin.
Herr Buntschuh trug nicht nur gerne farbige Fussbekleidung, ebenso liebte er es, sich bunte Vögel in sein Heim einzuladen und mit ihnen im Stall, den er eigenhändig dafür ausgebaut hatte, zu trällern und tirilieren.
Es begab sich jedoch, dass ein böser Sturm der Familie Buntschuh & Klein das Dach vom Kopf blies und den Boden unter den Füssen wegtrug. Neunmalklug und Kriserich konnten sich gerade noch an die Beine der Eltern klammern, sonst wären sie mit in den Abgrund gestürzt.
Doch der Sturm hatte die Rechnung ohne den Himmel gemacht. Eine gute Fee zeigte ihnen den Weg zu einem Unterschlupf. Für Neunmalklug war die Welt bald wieder in Ordnung, gab es doch dort eine Hexenküche, in der er nach Lust und Laune experimentieren konnte. Kriserich begnügte sich ohnehin mit Papier und Bleistift und einer kleinen Rennbahnsauna unter dem Dach.
Frau Klein legte ihre Stoffe einfach noch kleiner zusammen und ging weiter ihrer Arbeit nach.
Aber Herr Buntschuh – es war zu erwarten - hatte so seine Probleme. Die Besuchsvögel hatten keinen Platz mehr für ihre Flügel. Wie sollten sie so zu Höhenflügen ansetzen? Herr Buntschuh litt, es fehlte ihm die Luft zum Atmen. So kam es, dass er weder Flöte noch sonst etwas spielte. Und weil die Luft so dünn war, ging es ihm schlechter und schlechter. Einen kleinen Aufschwung erhielt er, als er zu den Herren Herz und Schmerz in die Rebberge fuhr. Endlich konnte er sich wieder etwas entfalten, ein kleines Lächeln erschien. Die Sonne brannte heiss und mit einem befreundeten Holzwurm wurden Pläne geschmiedet. Doch kurz vor dem Start erlag der Enthusiasmus dem Frustfieber. Der Weg erschien unendlich steinig zu sein.
Zu allem Ärger wurden die Tage nun wieder kürzer, die dunklen Seiten der Menschen nutzten dies schamlos aus. Weder die Arbeit für die Herren Herz und Schmerz, noch neue Ideen wollten Herrn Buntschuh in den Kopf. Allmählich schien er in Reglosigkeit zu erstarren. Doch gerade, als sein Blickwinkel am kleinsten war, die Kinder kaum zu bändigen, und Frau Klein beinahe an ihrem Liebsten verzweifelte, kam ein Geschenk des Himmels.
Ich sagte es schon zu Beginn: die Gegend war rauh. Doch oft finden sich gerade an besonders schroffen Stellen wahre Edelsteine. So wohnte ein paar Schritte weiter eine Hexe. Sie sah die Not des
Herrn Buntschuh und braute einen Zaubertrank.

 Hier die Rezeptur:      -     eine Handvoll Druckerschwärze, 13 Alphabete und Zahlenreihen,   57 Meter Hexengarn,   einen guten Kessel voll Worte7 Ster Holz  und 17 Wagenladungen Pflastersteine
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alles würzen mit einer Prise indischer Weisheit und Feenstaub

Es tat einen absolut unbedeutenden, kleinen, total leicht zu überhörenden Knall - vier Tage später stand die Sparrengasse 7 gar nicht so WEIT E-ntfernt vom Unterschlupf für die Familie Buntschuh & Klein bereit. Herr Buntschuh brauchte bloss noch dreimal ins Alphorn eines kugeligen Trolls zu blasen, um gesund zu werden. Dann spuckte er in die Hände und am ersten Tag des Jahres vier war wieder alles bereit, um zu wohnen, zu leben, zu lachen, zu trällern und tirilieren.                                                 

11/03 © Frau Klein

 

 

 

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